Grenzenlos - Wege zum Nachbarn e.V.
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Festpredigt zu den 27. Universitätstagen von Oberkirchenrat Dr. Friedrich Ley

St. Stephani-Kirche zu Helmstedt, 26. September 2021

Liebe Gemeinde,

heute vor zwei Jahren hätte vermutlich kaum jemand für denkbar gehalten, dass unsere gesamte Zivilisation durch den Ausbruch einer Seuche in so radikaler Weise getroffen werden könnte, wie es nun geschehen ist. Zwar haben Wissenschaftler verschiedentlich darauf hingewiesen, dass die Gefahr einer globalen Pandemie real existent sei und damit alles andere als ein Phänomen der Vergangenheit, das uns Heutige nicht mehr betreffen würde. Aber wirklich geglaubt hat ihnen niemand. Auch in der medizinischen Fachwelt galt die Virologie, die heute in aller Munde ist, eher als Randdisziplin. Von der Mitarbeit in einigen Ausnahmeinstituten abgesehen, wurde die Arbeit als Virologin mit wenig Renommee geadelt, erschien eher praxisfern. Auch wenn die, die in diesem Feld der Medizin zuhause sind, über solches Unwissen und das darin begründete Maß an Geringschätzung nur den Kopf schütteln können.

Vielleicht hat ausgerechnet der in den modernen Industrienationen eminent hohe Stellenwert der Wissenschaften, besonders jedoch die Machbarkeitszuschreibungen, die der modernen Medizin zugedacht werden, dazu geführt, die berechtigten Warnungen der Wissenschaft in den Wind zu schlagen. Mit dem Übergang ins 21. Jahrhundert schien das Schreckensbild ungebremst grassierender Seuchen der Vergangen-heit anzugehören oder jedenfalls auf Regionen der Erde begrenzt zu sein, die in wirtschaftlicher und medizinischer Hinsicht zu den so genannten Entwicklungsländern zählen.

Das medial transportierte Bild von Ebola-Ausbrüchen in Zentralafrika spiegelt das geradezu exemplarisch wider. Inszeniert als Schreckens-meldungen, die in dramatischen Nahaufnahmen das Leid der in Armut lebenden Bevölkerung vor Augen stellt, wird zugleich das Heldenepos der aus den führenden Industrienationen herbeigeeilten Helfer und Experten besungen. Diesen nämlich gelingt es, wie einige Nach-richtensendungen später vermeldet wird, die grausige Seuche durch den Einsatz ihrer epidemiologischen Fachkenntnisse und Methoden der westlichen Medizin, innerhalb vergleichsweise kurzer Zeit einzuhegen und ihr den Schrecken zu nehmen. Die Medizin vermag das Ungetüm der Seuche zu bezwingen. Man muss sie nur lassen und ihre Expertise früh genug in Anschlag bringen.

Und dann das. Eine neuartige Seuche tritt auf den Plan. Covid-19. Ende 2019 tauchen mysteriöse Fälle von Lungenentzündungen in der chine-sischen Metropole Wuhan auf. Auch dies erschien zunächst sehr weit weg. Eine wirkliche Bedrohung durch das neuartige Coronavirus wurde erst dann empfunden als in verschiedenen europäischen Touristen-zentren sich viele Urlauber infizierten, erkrankten, nachdem sie das Virus an Dritte übertragen hatten und in immer größerer Zahl die Intensivstationen füllten. Über 93.000 Tote sind bis heute allein in Deutschland zu beklagen, über 4,7 Millionen Menschen weltweit, täglich etwa 10.000 Personen versterben, obwohl inzwischen diverse Impfstoffe verfügbar sind. Die Katastrophe dauert an, von den wirt-schaftlichen und sozialen Folgen ganz zu schweigen.

Und nachdem nun allenthalben anerkannt wird, dass auch die Medizin nicht zaubern kann, zumindest einige Monate braucht, bis sie auf Situationen dieses Ausmaßes durchschlagend zu reagieren vermag, wird man doch wenigstens von der Theologie und Kirche erwarten dürfen, dass sie den Horror universeller Lebensgefährdung durch einen wirksamen Bannspruch unterbinden kann.

„Ist Corona eine Strafe Gottes?“ diskutieren die einen, während in Bergamo eine Vielzahl katholischer Priester in der Begleitung von Kranken und Sterbenden ihr Leben lässt. „Die Kirche hat die Alten im Stich gelassen“, echauffieren sich andere, während Seelsorgende in Krankenhäusern, bei der Telefonseelsorge, der Notfallseelsorge und auch in Einrichtungen der Altenpflege sich teilweise in 24-Stunden-Schichten bemühen, Mitarbeitenden, Patientinnen und Bewohnern sowie ihren Angehörigen beizustehen. Es werden Hotlines geschaltet für belastete Mitarbeitende, nicht nur aus dem Bereich der Pflege, sondern auch aus den Ministerien, wo im Frühjahr des Jahres 2020 die Drähte heiß laufen. Konzepte für Behelfskrankenhäuser und Sterbe-stationen für Covid-Erkrankte werden in enger Abstimmung zwischen Medizin, Hilfsorganisationen und der Seelsorge der Kirchen entwickelt und, wo erforderlich, zur Umsetzung gebracht.

In der gesamtgesellschaftlichen Wahrnehmung war es publikums-fähiger von einem Versagen der Kirchen zu sprechen und die Frage nach ihrer gesellschaftlichen Relevanz zu stellen. Gegen diese Frage ist aus meiner Sicht auch gar nichts einzuwenden.

Ich halte sie für notwendig. Ebenso wie andere Organisationen und Institutionen hat auch die Kirche Rechenschaft zu geben und kritisch zu reflektieren, was gelungen ist und was nicht. Jedes professionelle Gefüge sollte dies tun. Im Rahmen von Einsatznachbesprechungen bei besonderen Lagen ist dies in kirchlichen und außerkirchlichen Zu-sammenhängen routinemäßig der Fall. Es wird üblicherweise nur nicht medial aufbereitet – und Gegenstand öffentlicher Diskussionen.

Ähnliches war zu beobachten als im Juli dieses Jahres die Hochwasser-katastrophe in Rheinland-Pfalz und Nordrhein Westphalen Flutschäden und Opferzahlen historischen Ausmaßes verursachte. Auch hier kam die Frage auf, ob alle Verantwortlichen sachgerecht und schnell genug gehandelt haben. Und auch hier ist die Frage legitim und muss im Nachgang umfassend beleuchtet werden. Ohne Zweifel.

Und doch zeigt die Energie, die hier frei wird, dass es um mehr geht als nur um Aufarbeitung. Fast macht es den Anschein als zeigte sich hier ein Mechanismus der Schuldzuschreibung. Bei einer Katastrophe von solch großem Ausmaß muss irgendjemand schuld sein bzw. schwer-wiegende Fehler gemacht haben, fordert eine unhörbare Stimme in uns.

So kamen im Falle des neuartigen Coronavirus SARS-CoV-2 sehr    bald Spekulationen auf, das Virus könne aus einem chinesischen Forschungslabor entwichen sein. Es handele sich demnach um eine Züchtung, die mithin keinen natürlichen, sondern einen von Menschen gemachten Ursprung habe.

Wie viel leichter wäre das, wenn ein transparenter Schuldzusammen-hang gegeben wäre? Dann hätten all unsere Energien und Angst-reaktionen eine Richtung, einen Adressaten. Der damalige US-Präsident Trump nutzte diesen allgemein-menschlichen Impuls, indem er gezielt (und über Monate hinweg) von dem „chinesischen Virus“ sprach. Eigene Versäumnisse fallen so nicht ins Gewicht. Andere sind schuld. Das Unerklärliche erfährt eine Erklärung.

Nicht notwendig gekoppelt an eine Schuldzuschreibung formuliert auch die Frage nach einer religiösen Deutung des Geschehens das gleiche menschliche Bedürfnis. Kann, wenn die Stimme der Rationalität verstummt, die Sprache der Religion uns eine Perspektive weisen und einen Weg des Umgangs anbieten?

Genau das ist die Erwartung, die entweder unbewusst oder auch explizit und in theoriegesättigter Form an die Religion herangetragen wird. Der Soziologe und Philosoph Arnold Gehlen etwa skizziert in seinem frühen Hauptwerk „Der Mensch“ (1940) drei funktionale Leistungs-merkmale der Religion: Die Religion bietet 1) einen Gesamtdeutungs-zusammenhang der Wirklichkeit, 2) ein moralisches Rahmengerüst für die soziale Dimension menschlichen Zusammenlebens und 3), sagt Arnold Gehlen, die Religion bietet uns Deutungen an für den Umgang mit Kontingenzerfahrungen; für die Art von Widerfahrnissen also, für die uns kausale und rationale Erklärungsmuster nicht zugänglich sind oder uns unzureichend erscheinen, weil die Sinnfrage offenbleibt, auch wenn die „Warum“-Frage eine Antwort erfährt.

Von einer Gesellschaft, in der die Religion den Gesamtdeutungs-zusammenhang für unser Wirklichkeitsverständnis repräsentiert, kann spätestens seit der Aufklärung keine Rede mehr sein. Arnold Gehlen räumt diesen Umstand unumwunden ein. Das ist so, erklärt er, indem er die drei Grundfunktionen der Religion in einer geschichtlichen Betrachtung einer zeitdiagnostischen Analyse unterwirft. Der Aspekt der religiösen Gesamtwirklichkeitsdeutung ist dahin oder jedenfalls in das Belieben des Einzelnen gestellt.

Was aber ist mit der zweiten Funktion, der moralischen Orientierung? Hier gilt das gleiche. Wir können uns in unserem sozialen Verhalten auf religiöse Normen und Gebote gründen. Das ist aber nicht mehr durchgängig der Fall und funktioniert auch ohne Religion. Gehlen spricht hier von Sozialregulationen, die nicht zwingend an eine religiöse Fundierung gebunden sind, auch wenn die Aufklärungs-theologie das noch anders eingeschätzt hat. Sie hielt die moralische Funktion der Religion für nicht substituierbar.

Dies führt uns zur dritten Funktion der Religion, der Deutung von Kontingenzerfahrungen. Diese Funktion von Religion, erklärt Arnold Gehlen, hat auch in der Moderne Bestand. Sie nehme sogar an Bedeutung zu, denn in einer Welt, in der das Unerklärliche keinen Raum mehr hat, weil selbst die letzten Winkel der Wirklichkeit durch Naturwissenschaft und Forschung vollends ausgeleuchtet sind, nimmt der Schrecken des Unverstehbaren drastisch zu, nicht ab.

Religiöse Deutung als Kontingenzbewältigungspraxis, prognostiziert Gehlen, hat durchgängig, vielleicht sogar in zunehmenden Maße, Konjunktur.

Ist das so?

Beispiele hierfür wären etwa das Totengedenken auf dem Erfurter Domplatz 2002 nach dem Amoklauf an einem Gymnasium, die Trauerfeier im Kölner Dom 2015 für die Toten eines Flugzeug-absturzes, der Trauergottesdienst in der Münchner Liebfrauenkirche 2016 für die Opfer eines Amoklaufs in einem Einkaufszentrum. Diese Ereignisse setzten spontan das Bedürfnis frei, im Rahmen einer religiösen, meist ökumenischen oder auch interreligiösen Liturgie zusammenzukommen, um dem Geschehenen Raum und Worte zu geben.

Gesellschaftlich war dies in jedem Fall anschlussfähig. Vielmehr, es schien eine gesellschaftliche Forderung, deren Einlösung zu keinem Zeitpunkt in Frage stand.

Wie anders zeigt sich dem gegenüber die ungelenke Art und Weise, in der die Frage nach einem Gedenkgottesdienst für die abertausenden Coronaopfer in unserem Land behandelt wurde. Kirche und Staat, die in Deutschland aus gutem Grund und in bewährter Weise getrennt sind, scheinen hier gänzlich den Kontakt zueinander verloren zu haben. Am Ende wurde der Schein gewahrt, aber es haben sich Risse offenbart, die möglicherweise auf eine weitere Zeitenwende hindeuten.

Es hat den Anschein, als ob die von Gehlen behauptete uner-schütterliche Kontingenzbewältigungskompetenz der Religion nun doch in Frage steht. Das Zeitalter der Moderne, in dessen Kontext Gehlen diese Aussage traf, wird durch die Postmoderne abgelöst.

Mit diesem Begriff habe ich persönlich mich lange schwergetan und ihn so weit wie möglich vermieden. Nun hilft er mir zu beschreiben, was ich empfinde, wenn die zunehmende religiöse „Unmusikalität“ (Max Weber) um sich greift, d.h. wenn Kirche sprachlos wird oder die Sprache der Religion nicht mehr verstanden wird.

Der Vorteil dieser Entwicklung besteht, wie die Theoretiker der Post-moderne betonen, vor allem darin, dass die Do´s und Don´ts einer von der Säkularisierung gekennzeichneten Moderne auf die Postmoderne nicht mehr anwendbar sind. Daraus erwächst – wie ich mich entschlossen habe, diese Entwicklung zu interpretieren – ein unerwartetes Maß an Freiheit, die vielleicht auch für die Kirche insgesamt Chancen birgt. Nämlich die unter anderem, einen Text einfach so zu nehmen, wie er mir begegnet, ohne ihn mehrfach durch die Reflexionsschleife zu ziehen.

Vielleicht höre ich dann wieder mehr aus dem Wortlaut und von der verheißungsvollen Kraft der Texte, wenn sie nicht zigfach durch die Reflexion gebrochen sind.

Wagen wir es einfach gemeinsam, liebe Gemeinde, und lauschen den Worten des 91. Psalms:

Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt, der spricht zu dem HERRN: Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe. Denn er errettet dich vom Strick des Jägers und von der verderblichen Pest. Er wird dich mit seinen Fittichen decken, und Zuflucht wirst du haben unter seinen Flügeln. Seine Wahrheit ist Schirm und Schild, dass du nicht erschrecken musst vor dem Grauen der Nacht, vor dem Pfeil, der des Tages fliegt, vor der Pest, die im Finstern schleicht, vor der Seuche, die am Mittag Verderben bringt. Wenn auch tausend fallen zu deiner Seite und zehntausend zu deiner Rechten, so wird es doch dich nicht treffen. Ja, du wirst es mit eigenen Augen sehen und schauen, wie den Frevlern vergolten wird. Denn der HERR ist deine Zuversicht, der Höchste ist deine Zuflucht. Es wird dir kein Übel begegnen, und keine Plage wird sich deinem Hause nahen. Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen, dass sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.

(Psalm 91, 1-12)

Amen

 

 

Und der Friede Gottes,

der höher ist als unsere Vernunft

bewahre unsere Herzen und Sinne

in Christus Jesus.

Amen

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